Zweitkamera

Ich beschäftige mich ja momentan ein wenig mit Timelaps Fotografie, also Zeitrafferaufnahmen. Sprich, aus einer Vielzahl von Bilder in einem bestimmten Zeitraum wird ein Video erstellt. Damit so etwas richtig wirkt, braucht es ein paar Sekunden Videozeit, für einen Sonnenuntergang so mindestens 15, besser 20 Sekunden. So lang ist das jetzt nicht. Aber, für eine Sekunde Video braucht es für eine flüssige Darstellung 25 Bilder. Ein Sonnenuntergang von 20 Sekunden braucht damit eben mal 500 Aufnahmen. Meine 5D ist mir dafür fast zu schade. Sie hat eh in den letzten fünf Jahren schon über 50.000 Auslösungen auf dem Buckel. Außerdem – Kamera einstellen, Intervallauslöser ein – was mach‘ ich dann in der knappen halben Stunde. Mit dem Smartie fotografieren? Ja, aber manchmal soll es halt mehr sein. .. Also habe ich Ausschau nach einer gebrauchten Kamera gehalten. Sie sollte nicht zu teuer sein (ich will das ja nur mal ausprobieren), trotzdem einigermaßen aktuell sein (also keine 20D oder 350D), möglichst wenige Auslösungen haben und natürlich von CANON sein, damit die vorhandenen Objektive genutzt werden können. In einer Fotozeitschrift gab es eine Anzeige von MPB. Dort gesucht und gefunden. EOS 700D, beworben mit Zustand ausgezeichnet, 792 Auslösungen (!), Preis 325 EUR. Beim Anbieter gab es rund zehn von den Dingern zum gleichen Preis. Der richtet sich nach dem Zustand, nicht nach den Auslösungen. ich hätte mich also auch für einen Body mit 10.000 Auslösungen entscheiden können. Sorry, ab bei knapp 800 Auslösungen in 5 Jahren konnte ich nicht widerstehen. Also das Ding geordert. Mit der Versandbestätigung begann dann das Abenteuer.

Der Logistikdienstleister heißt DPD und der hat bei mir schon einmal etwas geliefert. Aber nur einmal! Ich war also schon ein gebranntes Kind und achte seitdem immer genau darauf, dass ich nicht von dem, von Götterboten oder Vereinigten Paketdiensten beliefert werde. Mein Liebling ist gelb und liefert alle Pakete. Deren Paketstationen in Lauf sind immer voll, da darf ich dann nach Lauf ins Postamt traben und mich in die Schlange stellen. Deshalb Postfiliale hier vor Ort, alle Pakete, egal wie groß. Die Mädels dort kennen mich und suchen schon das Paket raus, wenn ich in den Laden gehe. Das läuft super. Aber zurück zum Abenteuer.

Mail 1 -Mittwoch – wir haben das Paket übernommen. Mail 2 – Freitag – das Paket verlässt jetzt UK. Ja, UK ist groß, da dauert es schon mal drei Tage bis zur Grenze, heißt ja schließlich Groß Britannien. Mail 3 – Samstag – Paket ist auf dem Weg zum Paketzentrum nach Nürnberg. Mail 4 – Sonntag – Paket ist in Nürnberg, ich bin der Zusteller und bringe das Paket Montag vorbei. Perfekt, dachte ich, da bin ich im Homeoffice und kann das Paket gleich auspacken. *Trommelwirbel* Am Montag in der Früh die Paketverfolgung aufgerufen. Ist das Auto schon unterwegs? Nein, das Paket wird jetzt Montag oder Dienstag gebracht. Grmpf. Damit nix schief läuft, in den sauren Apfel gebissen, bei DPD registriert und mitgeteilt, wenn ich nicht da bin, das Paket zum Paketshop nach Schnaittach bringen. Mail 5 – Montag – vielen Dank, die Registrierung des Auftrags kann bis zu zwei Tagen dauern. Wahrscheinlich „Neuland“ und ein Datenerfasser muss das erst in ein anderes System übernehmen. Mail 6 – Dienstag – Ihr Paket befindet sich auf dem Weg zum Paketzentrum nach Nürnberg… Wie bitte? War ihm langweilig und es ist abgehauen? Da war es doch schon. Mail an DPD geschrieben, die Antwort könnt ihr euch denken. Keine Reaktion. Zeitgleich an den Versender geschrieben. Am nächsten Morgen war die Antwort schon da, sie kümmern sich. Donnerstag dann noch eine Mail von ihnen, das Paket soll heute zugestellt werden und wegen der schlechten Logistik bekomme ich die Versandkosten zurück. Mail 7 – Donnerstag – ich stelle ihr Paket heute zwischen 11:24 Uhr und 12:24 Uhr zu. Jetzt war ich gespannt, ob ich das Paket abends im Paketshop abholen kann. Nach Hause gekommen, hinter der Gartentür stand ein Paket, von außen einsehbar und es hat glücklicherweise nicht geregnet. In der Paketverfolgung stand dann abgelegt um 12:02 Uhr und der Hinweis VORRTURR.

Also habe ich jetzt eine Kamera, unbeschädigt und funktionsfähig. Der Händler MPB hat zwischenzeitlich die Versandkosten erstattet. Super, die haben echt einen guten Job gemacht. Nur, auf so ein Abenteuer mit einem Logistikdienstleister kann ich künftig verzichten.

Noch was? Ja. Die Kamera hatte nicht wie angekündigt 792 Auslösungen, sondern 392. Jetzt frage ich mich nur, warum hat sich der Vorbesitzer für damals teures Geld eine Spiegelreflex gekauft und warum hat er in fünf Jahren nicht mehr fotografiert… Kann mir aber egal sein, ich sage zum Kamerazustand nicht ausgezeichnet sondern fast neuwertig. Gibt’s was anzumerken? Exakt wie in der Anzeige beschrieben: ohne Gurt und ohne Bedienungsanleitung. Brauche ich beides nicht, den Gurt hätte ich eh abgemacht und Handbuch gibt’s bei CANON per Download. Einzig der Stecker für das Ladegerät war ein BS 1363, also dreipolig britisch. Rausgezogen und ein Kabel mit 2-pin-Eurobuchse aus einem anderen Ladegerät dran und gleich mal den Akku geladen. Und die Augenmuschel fehlt. Da gibt’s aber drei Stück für fünf Euro bei einem großen Versandhaus im Internet. Jetzt braucht es nur noch das passende Wetter für die ersten Timelapsaufnahmen mit der neuen Kamera.

Wer sich unter Timelaps nix vorstellen kann, schaut mal hier oder hier.

Der Stecker bekommt einen Brexit
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